„Gott grüss die Kunst“ Heinz Bavinck

Door lich he nun, dot up de Stroote, denn Hund ut de Noaberschup. Ik, de sölls öwwer dattich Joor lang Hunde bi sik umto hat heff, mut dat sehn. Met Gösehut un tröriche Gedanken goa ik no Hus. Stüksken Pepier was de Hund achterann loopen, un doorbi unnert Auto rakt, vertellt de se sick. Öwwerall lich aber oak Pepier inne Gegend rümm. Ut Autos schmiet se Pepier rut. Zeitungen, Reklame, Etiketten un so wieder, de watten Löre nemmt kinne Rücksicht.

Utgereknet en Stüksken Pepier, woor ik doch mien Arbeitslebbenlang mett Pepier ümgoan bin. As Stift inne Buchdruckerlehre hes Last genug had’t, de heelen Pepiersorten utmekaa te hollen. Sorten gifft, wu mittelfinet Pepier, holtfreijet Pepier, hooglichtend Kunstdruckpepier, dicke un dünne Pappen un noch vull mehr. Nen Buchdrucker mutt dat alls ken’n lern, abbe in siene freije Tied oak affschalten kön’n.

In’ne Natur kann ik dat an’n Besten. Vöggel hebt mij all immer interessärt. Jeden Voggel de dö vöbiflög mutt ik noaluuren. Later heb ik miene Kinner un oak annere Kinner inne Natur de Vöggel, annere Diere un Planten wiest, datt se dat kennenlernt, sik oak door utkennt un schützen könnt. Joo, de Hund is wall affhaun van‘t Herrchen un vöör sick alleene verantwortlick, abber wat hebt se denn Hund bibracht? Mutt he sick allene unnerhollen met’n Stüksken Pepier? Heff dat Herrchen keine Tied off Lust?

„Gott, grüß die Kunst“, soa seggt de Jungs van de schwatten Kunst unnermekaa. Watt’n groot Wort, aber Gott intebetrekken is dann oak de Verantwortung vöör de heele Welt. Mien Beruf is eigentlick alles annere as „Anwalt van de Ümwelt“. De druckt lewe ne Millionen Reklamezettel mehr, ass minder, dann stimmt den Pris vöör een Zettel better, segt se immer.

So’ne grooten Massen an Pepier, dat gafft doch fröge nich. Wat harr man fröge an Peper in’t Hus? Door gafft Bööke vöör de Schoole, vlicht e’n paar Bööke in’n Schrank, de Bibel, dat Zeitungspepier, doorvan kam nix wech, dat wör öwwerall vöör bruckt. Dat meeste landete up’t Hüsken, vöör dat grote Geschäft. Dat annere rakte in’ne Köken, üm jeden Mon’n dat Füür in’ne Kokmeschine antomaken. Wolln wi irgentwat inpakken, dann nöm man Zeitungspepier. An Winterdag kamm dat Zeitungspepier up de Fensterbank, hochgetrocken bis an de Fensteschieven, üm dat de „Fleißigen Lieschen“ nich gepott freest. Joo, joo, Is satt wall an de Schieven, mett de moijsten Isbloomen drinn.

Anners noch Pepier in’t Hus? Jo, in’n Koopmansladen stoppte man’n Pund Appel off Beern in’nen Pepiertuten. Pund Botter was in Pepier in’pakt, wat besünners gut in Omt brande. Waschmiddel satt in nen Karton, de wött utmeekaa schört un dann verbrand. In’ne Schoppe hebt wie in de eene Wecke Füür anmakt vöör den grooten Kettel, üm Schwienefoor te koken un in’ne annere Wecke kamm usse Kockwösche drinn. Üm dat Füür antemaaken bruckte man natürlick Annmakeholt un Pepier. Pepier lag noijt so eenfack ümtoo, so ass dat Vandageandach is. Man heff oak kien Restmüll ümtoliggen hat. Watt tö verbrennen güng, dat rakte in Omt. Wat nich door ingüng, Lumpen, Isen un Blick, doorvöör kamm den Lumpen- un Schrotthändler döör de Strooten föört. N’n paar Groschen gafft dann doorvöör.

Maak ik mool Touren döör de Natur, find ik öwwerall Pepier un Restmüll ümtooliggen. Dat ligg nich nur up de Stroote un in’n Strootengraben, nee dat ligg in’ne Natur wietaff van Strooten un Hüse. Door maak ik mie’n Koop öwwer, wu dat annes wonn kann. Ik seh awwe oak, bi „Mülltrennung“ noch nich alls in’t Lot, door mütt wi noch mool mehr öwwer noadenken. Woor breng’t se ussen utsortierten Rummel nich öwwerall henn?

In de 60er-Johren, ass miene Lehre ass Junge van de schwatten Kunst anföng, wat hebt wie in Akzidenzdruck door so druckt? Recknungsbogen, Breefümschläge, Leferschiene mett mehrere Döörschläge, Trurkarten, Geburtskarten, Hochtiedskarten, Vereinsheftkes, Plakate, Reklamezettel. Nix, wat nich in’n Omt landet is. Bi de Arbeit sölls, iss jeden Dag oak Affallpepier anfallen, dat mussen de Stifte jeden Obend buten achter de Druckerej verbrennen. Lörrige Farwbüssen un total dreckige Putzlappen mussen de Stifte in dat nöchstbeste Lock an Woldrand brengen, woor de meesten Löre er’n Prütt hennbracht hebt. Ne wilde Deponie, nix anners wass dat. Affallentsorgung van Landkreis off van de Stadt, sowatt gafft noch nich. Dat wass denn Normalfall. Un doch so langsam mett de Tied ännern sik wat. Lööre had’n schrik, dat dat Grundwater vergiftet wött. Nett an’n Woldrand, de paar Hüser und Pütten vöört Vee, dee Löre hebt bi de Stadtverwaltung anropen. So kamm dat, dat de Stifte de heelen Farwbüssen wär uphalen un woor anners affgeben mussen. Aff door passerde oak wat in usse Köppe. Nich so gaue, doch so pö a pö.

In miene freije Tied begünn nun ne neije Lehrtied in Saken „Natur“. So faaken ass dat güng, bin ik mett up Exkursionen van naturkünnige Löre un Wanderungen van Heimatverein west. Ruut ut de vemiefte Werkhalle, mett den Damp van Farwe und Waschmiddel un Pepierstoff. Genuch Krach is door oak noch in’ne Bude, nett as up de Kermis. An’n de frische Luft, heb ik mie seggt, wat anners sehn, Planten, Vöggel un de ganzen wilden Diere. Man krich allmählig dan‘n Geföhl doorvöör, wat gut is vöör de Natur un uss Menschen un wat‘te noch an schellt. Moij is ja, dat wie nun van Landkreis Pepiertunnen, gelle Säcke, Restmülltunnen; dann Sondermüll un Komposter, Sperrmülltermine hebt. Dat wie dat alls trennt un oak weer wat terügge geht in’n Kringloop. Dat beruhigt etwas dat schlechte Gewetten, wat man so langsam aber sicher krich, wenn man mettkrich, wat man alls so in de Druckereien produzeert.

De Druckers bint affhängig van eere Arbeit und dat Geld. Up de annere Siete de Menschen, wödd verführt van Reklame, moije Vepackungen, Zeitungen un Zeitschriften, wunnerbare Böke. Wat doorvöörn Böme, joo ganze Wälde rodet wod’t, maks di kein Bild van. Wi könnt nur hoppen, dat se wär genau so vull Böme wer anpot’t, as se ümhaun hebt. Anners geht’t mett usse moije Welt noch mool alles öwwer’n Kopp.

Dat de Welt moij is, dat seh ik unnerwengs up miene Wanderungen in’ne Natur. Besünners gerne nemm ik junge Lööre mett un wies er de moijsten Plaken in usse Gegend un de heelen Diere. Man wunnert sik, de Jungen willt dat unwies gerne wetten un nich nur an’n Computer sitten. An de Blade und Blösel loat ik se ruuken und probeeren. Faaken is de ganze Luft mett denn Gerök van bestimmte Planten full. So ass bi Woldknoblauch, Voggelbeerenblösel, Wittdornblösel. De jungen Lööre kennt dat nich un bint dann ganz wech. Bit’t erste Mool könnt se’t gar nich glöben. Dat freut mi nun weer.

In’n Mai maak ik meeste Tied ne Voggelstimmenwanderung vöör de Allgemenheit. Wenn ik all ne heele Tied öwwer de Voggelwelt vetellt heb, dann lich de bestimmt unnerwengs wer Pepier in’ne Natur rümm. Dann geht de Diskussion öwwer‘n Dreck in usse Ümwelt wer loss.

Den Druckerberuf kann ik eigentlick wiederempfehlen. Dat is so affwechslungsrike Arbeit an Dag, nix is immer dat sölde, aber meest alls wat se produzeert, rakt irgendwann in’ne Pepiertunne. Dat meeste jedenfalls. Dat Papier, wat gedankenlos wechschmetten wöd, flög döör de Gegend; un nen Hund de door achterann jach, rakt doorbi unnert Auto un lich dann dot up de Stroote.

 

 

UTENN

 

 

 

Und hier die „hochdeutsche Version“

 

„GOTT GRÜSS DIE KUNST“

HEINZ BAVINCK

 

 

Dort liegt er nun tot auf der Straße, der Hund aus der Nachbarschaft. Und ich, der selber über 30 Jahre lang Hunde um sich herum hatte, muss das sehen. Mit Gänsehaut und wirren Gedanken geh ich nach Haus. Der Hund sei einem Fetzen Papier hinterhergelaufen und dabei unters Auto gekommen, haben die Leute erzählt. Es liegt aber auch überall Papier in der Gegend herum. Aus dem Auto schmeißen sie das Papier raus. Zeitungen, Reklame, Etiketten und so weiter, die Leute nehmen keine Rücksicht.

Ausgerechnet ein Stück Papier, wo ich doch mein ganzes Arbeitsleben lang mit Papier zu tun hatte. Als Stift in der Buchdruckerlehre hat man Mühe genug gehabt, die ganzen Papiersorten auseinander zu halten. Und es gibt viele Sorten, wie mittelfeines Papier, holzfreies Popier, hochglänzendes Kunstdruckpapier, dicken und dünnen Karton und noch viel mehr.

Ein Buchdrucker muss sie alle kennen lernen, aber in seiner freien Zeit auch abschalten können. In der Natur kann ich das am besten. Vögel haben mich immer schon interessiert. Jedem Vogel, der vorbei flog, musste ich nachschauen. Später habe ich meinen Kindern und auch anderen Kindern in der Natur die Vögel, andere Tiere und Pflanzen gezeigt, damit sie sie kennen lernen, sich auch damit auskennen und sie schützen können.

Ja, der Hund ist wohl von seinem Herrchen abgehauen und war auf sich gestellt. Aber was haben sie dem Hund beigebracht? Musste er alleine mit einem Fetzen Papier spielen? Hatte sein Herrchen keine Zeit oder Lust?

„Gott, grüß die Kunst,“ so begrüßen sich die Jungs von der schwarzen Kunst untereinander. Was für ein großes Wort. Aber Gott einzubeziehen, heißt auch, Verantwortung für die ganze Welt zu übernehmen. Mein Berufsstand ist eigentlich alles andere als ein „Anwalt für die Umwelt“. Die drucken lieber eine Millionen Reklamezettel zu viel als zu wenig, dann ist der Preis pro Zettel günstiger, sagen sie immer.

So große Mengen an Papier, das gab es doch früher nicht. Was hatten wir früher an Papier zu Hause? Da gab es Bücher für die Schule, vielleicht noch ein paar Bücher im Schrank, die Bibel.

Das Zeitungspapier wurde nicht weggeschmissen, das brauchte man überall. Das meiste landete auf dem Häuschen, für das große Geschäft. Das andere wurde in der Küche gebraucht, um jeden Morgen das Feuer im Küchenherd anzumachen. Wollten wir etwas einpacken, nahmen wir Zeitungspapier. Im Winter kam das Zeitungspapier auf die Fensterbank, hochgezogen bis an die Fensterscheiben, damit die „Fleißigen Lieschen“ nicht erfrieren. Ja, ja, ich saß an den Scheiben mit den wohl schönsten Eisblumen dran.

Kam noch anderes Papier ins Haus? Ja, in einem Kaufmannsladen stopfte man ein Pfund Äpfel oder Birnen in Papiertüten. Das Pfund Butter wurde in Papier eingeschlagen, was besonders gut im Ofen brannte. Waschmittel gab es im Karton, der wurde auseinandergefaltet und dann verbrannt. Im Schuppen haben wir in der einen Woche unter dem großen Kessel Feuer gemacht, um Schweinefutter zu kochen, in der anderen dann kam in den Kessel unsere Kochwäsche rein. Um das Feuer anzumachen, brauchte man natürlich Anmachholz und Papier.

Papier lag nicht einfach so herum, wie das heute der Fall ist. Man hatte auch keinen Restmüll herumliegen. Was man verbrennen konnte, kam in den Ofen. Was da nicht rein ging, Lumpen, Eisen und Blech, das sammelten die Lumpen- und Schrotthändler ein, die regelmäßig durch die Straßen fuhren. Dafür gab es dann sogar ein paar Groschen.

Auf meinen Touren durch die Natur sehe ich überall Papier und Restmüll herumliegen. Das liegt nicht nur auf der Straße oder im Straßengraben, das findet man auch mitten in der Natur, weit weg von Straßen und Häusern. Da mache ich mir schon meinen Kopf drüber, wie das anders werden kann. Ich sehe aber auch, bei der „Mülltrennung“ ist noch nicht alles im Lot, da müssen wir noch einmal mehr drüber nachdenken. Wo bringen sie unseren aussortierten Rummel nicht überall hin?
Was haben wir in den 1960er Jahren, als meine Lehre als Junge von der schwarzen Kunst begann, im Akzidenzdruck alles hergestellt? Rechnungsbögen, Briefumschläge, Lieferscheine mit mehreren Durchschlägen, Trauerkarten, Geburtskarten, Hochzeitskarten, Vereinshefte, Plakate, Reklamezettel. Nichts, was nicht im Ofen gelandet ist.

Bei der Arbeit ist jeden Tag auch Abfallpapier angefallen. Das mussten die Stifte jeden Abend draußen hinter der Druckerei verbrennen. Leere Farbdosen und dreckige Putzlappen mussten die Stifte ins nächstbeste Loch am Waldrand bringen, wo die meisten Leute ihren Dreck hingebracht haben. Eine wilde Deponie war das, nichts anderes. Eine Abfallentsorgung durch den Landkreis oder die Stadt gab es damals noch nicht. Das war damals der Normalfall. Doch mit der Zeit änderte sich langsam was. Die Leute hatten Angst, dass das Grundwasser vergiftet wird. Besonders am Waldrand, wo ein paar Häuser und Ställe fürs Vieh standen, haben die Leute bei der Stadtverwaltung angerufen. So kam es, dass die Stifte die ganzen Farbdosen wieder abholen und woanders abgeben mussten. Ab da passierte auch etwas in unseren Köpfen. Nicht so schnell, aber doch peu á peu.

Im meiner Freizeit begann ich nun eine neue Lehrzeit in Sachen Natur. So oft wie es ging bin ich mit auf Exkursionen von naturkundigen Leuten und auf Wanderungen vom Heimatverein gegangen. Raus aus der vermieften Werkhalle, mit dem Dampf von Farbe und Waschmittel und Papierstaub. Genug Lärm war da auch noch in der Bude, wie auf der Kirmes. Rein in die frische Luft, hab ich mir gesagt, mal was anderes sehen, Pflanzen, Vögel und die ganzen Wildtiere. Mit der Zeit bekommt man dann ein Gefühl dafür, was gut für die Natur und uns Menschen ist, und woran es noch hapert. Es ist ja schön, dass wir jetzt vom Landkreis Papiertonnen, gelbe Säcke und Restmülltonnen, aber auch Sondermüll, Komposter und Sperrmülltermine haben. Dass wir alles trennen, und dass auch wieder was zurück in den Kreislauf geht. Das beruhigt das schlechte Gewissen, das man so langsam bekommt, wenn man mitkriegt, was man so alles in den Druckereien produziert.

Die Drucker sind abhängig von ihrer Arbeit und dem Geld. Auf der anderen Seite werden die Menschen von der Reklame verführt, schöne Verpackungen, Zeitungen und Zeitschriften, wunderbare Bücher. Das dafür Bäume gefällt, ja ganze Wälder gerodet werden, da machst du dir kein Bild von. Wir können nur hoffen, dass sie genauso viele Bäume wieder pflanzen, wie sie abgeholzt haben. Sonst geht es mit unserer schönen Welt noch mal alles übern Kopf.

Dass die Welt schön ist, das sehe ich unterwegs auf meinen Wanderungen durch dir Natur. Besonders gerne nehme ich junge Leute mit und zeige ihnen die schönsten Plätze in unserer Gegend und die ganzen Tiere. Man wundert sich, die Jungen wollen das unheimlich gerne wissen und nicht nur am Computer sitzen. Ich lass sie an den Blättern und Blüten riechen und schmecken. Manchmal ist die ganze Luft voll vom Geruch bestimmter Pflanzen. Vom Waldknoblauch, von Vogelbeerenblüten oder Weißdornblüten. Die jungen Leute kennen das gar nicht und sind dann ganz weg. Beim ersten Mal können sie es gar nicht glauben. Das freut mich immer wieder.
Im Mai mach ich meistens Vogelstimmenwanderungen für die Allgemeinheit. Wenn ich eine ganze Zeit über die Vogelwelt erzählt habe, liegt da unterwegs bestimmt wieder Papier in der Natur rum. Dann geht die Diskussion über den Dreck in unserer Umwelt wieder los.

Den Druckerberuf kann ich eigentlich weiterempfehlen. Der Arbeitstag ist so abwechslungsreich, nichts ist immer gleich. Aber das Meiste, was man produziert, landet irgendwann in der Papiertonne. Das Meiste jedenfalls. Das Papier, was gedankenlos weggeschmissen wird, fliegt durch die Gegend. Und der Hund, der dem Papier hinterher jagt, gerät unters Auto und liegt dann auf der Straße.

 

ENDE

 

Fotos: Heinz Bavinck/Hans-Dieter Schrader

 

Download PDF „Gott grüss die Kunst“

Neueste Beiträge

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar