SIEGFRIED Kröner Schriftsetzer

Mein Vater wurde im Jahre 1906 geboren. Nach der Volksschule fing er als Lehrling bei der Schüttorfer Zeitung an. Damals betrug die Lehrzeit noch vier Jahre. Am 26. April 1925 bestand er die Gesellenprüfung. Danach arbeitete er ein Jahr bei der Firma Meinders & Elstermann in Osnabrück. Und über 4 Jahre bis 1930 bei der Firma Bischof & Klein in Lengerich. Während dieser Zeit bereitete er sich auf die Meisterprüfung vor und bestand sie am 9. April 1929 vor der Handwerkskammer in Münster.

Seine eigene Firma hat er am 7. Januar 1931 in Schüttorf gegründet. Das Haus in der Steinstraße 20 war unser erstes Domizil. Dann kam der Zweite Weltkrieg und er musste in den Krieg ziehen. 1945 kehrte er wieder zurück und konnte im April 1946 mit Genehmigung der britischen Militärbehörde seine Druckerei weiterführen. 1950 trat Erich Kootz bei uns in die Druckerei ein. Die beiden verstanden sich sehr gut. So wurde fleißig gearbeitet und 1952 überlegte man sich schon, die Druckerei zu erweitern. Da das in der Steinstraße nicht möglich war, hat man sich umgeschaut.

Wir erwarben dann in der Föhnstraße 44 das Haus Krüger. Dort haben wir ein Ladengeschäft und eine Druckerei angebaut, die 1954 bezogen wurde. Ein paar Jahre später bauten wir an die Druckerei ein paar Meter nach hinten an und bekamen die erste Heidelberger Druckmaschine. 1962 bis 1963 ist der letzte große Umbau erfolgt.

Bis der Winkelhaken voll war

Zum Beruf des Schriftsetzers ist zu sagen, dass es den Beruf schon seit Jahrhunderten gibt. Die Tätigkeit des Schriftsetzers bestand darin, dass er die aus Blei gegossenen Buchstaben mit der rechten Hand in den sogenannten Winkelhaken, den der Setzer in der linken Hand hielt, einsetzte. Vorher wurde eine bestimmte Zeilenbreite festgelegt. Denn wenn die Form später geschlossen war, musste die Zeile auch halten. Diese Arbeit musste sehr gewissenhaft ausgeführt werden, sonst gab es später Probleme beim Drucken. Darauf komme ich aber noch zu sprechen.

Wenn ein Schriftsetzer die Zeile bis zum Ende vollgesetzt hatte, musste er zwischen den Wörtern den entsprechenden Leerraum einfügen, damit die Zeile voll war und von selbst im Winkelhaken stehen konnte. Falls zu viele Buchstaben in der Zeile waren, musste er die Wortzwischenräume verringern und so lange hantieren, bis die Zeile stand. So ging das Zeile für Zeile, bis man den ganzen Winkelhaken voll hatte. Dann kam dieser Block auf das Setzschiff.

Seite für Seite

Auf dem Setzschiff wurden die verschiedenen Blöcke z.B. einer oder mehrerer Buchseiten zu einer Druckform zusammengesetzt, Deshalb war es früher auch wichtig, dass man die Auflage eines Buches oder eines anderen Druckwerkes vor dem Drucken festlegte. Dann hat man von den einzelnen Seiten nur dementsprechend viele gedruckt. Später wurden die einzelnen Seiten zusammengeführt. Nach dem Druck der Seiten nahm der Setzer die Form wieder auseinander, damit er wieder Material für die nächsten Arbeiten hatte. Deswegen war das auch so eine teure Angelegenheit.

Kleine Schriften machten mehr Arbeit

Wie viel Zeit ein Setzer für eine Buchseite brauchte, war ganz unterschiedlich. Das hing zum einen von der Höhe der Seite ab, zum anderen von der Größe der Schrift. Je kleiner eine Schrift gewählt wurde, um so mehr Arbeit.

Der Setzer konnte in der Stunde 1.200 Buchstaben setzen, wenn es sich um reinen Text handelte. Manche waren auch schneller und schafften sogar 1.500 Buchstaben.

Hochzeit und Leichen waren teuer

Wer schnell arbeitet, macht auch einmal einen Fehler. Hatte man zum Beispiel ein Wort vergessen, sprachen die Setzer von einer Leiche. Hatte man ein Wort doppelt gesetzt, hieß das eine Hochzeit. In jedem Fall waren Fehler sehr ärgerlich, denn sie kosteten eine Menge Zeit. Denn dann musste der Bleisatz aufgelöst und zum Teil ganze Absätze neu gesetzt werden.

Wenn der Absatz fertig war, drohte dem Setzer die nächste Gefahr, viel Zeit zu verlieren. Wenn eine Zeile etwas schlechter ausgeschlossen war, dann konnte es passieren, dass der ganze Satz dann zusammenbrach und dann sprach der Setzer von „Buchstabensalat“ bzw. „Eierkuchen“.
Waren alle Absätze gut auf dem Satzschiff angekommen, begann der Umbruch. Der Text wurde zu einer Seite angeordnet. Dann wurde der Umbruch ausgebunden, wie der Setzer sagte, weil man eine Schnur um den fertigen Umbruch band, um ihn festzuzurren. Alle Buchstaben haben eine genormte Höhe. Das ist wichtig für einen gleichmäßigen Druck in der Druckmaschine. Auch Bilder oder Schmuckbestandteile sowie Linien oder Ornamente oder Klischees mussten diese Höhe einhalten. Dabei ging es manchmal um hundertstel Millimeter. Damit die Höhe stimmt, wurden die Bestandteile, die nicht Text waren, also die niedrigen Sachen (Klischees), einzeln vermessen, bevor sie in die Seite eingebaut und gegebenenfalls unterlegt wurden.

Genau, man musste pingelig sein

Der Schriftsetzer war in der Regel ein sehr genauer und pingeliger Mensch, denn in den Setzkästen musste Ordnung herrschen. Jedes Zeichen hatte genau in seinem Fach zu sein. Neben der Handarbeit gehörte zum Beruf des Schriftsetzers auch ein gründliches Wissen über Schrifttypen und Graphik. Eine Schriftsetzerlehre dauerte zu meiner Zeit drei Jahre.

Ich habe meine Lehre zu Hause gemacht. 1957 bin ich damit angefangen. Zu Anfang bekam ich einen Winkelhaken in die Hand gedrückt. Dann zeigte man mir, wie ich den einstellen musste. Das war das erste, was mir beigebracht wurde. Die richtige Einstellung hing dabei immer vom Manuskript bzw. Auftrag ab. Leichtere Sachen waren zum Beispiel ein Absender für einen Briefumschlag. Der wurde früher meistens hinten auf die Klappe der normalen C6-Briefumschläge gedruckt.

Als Lehrlinge mussten wir 45 bis 48 Stunden in der Woche arbeiten. Arbeitszeit war von morgens 7.00 Uhr bis abends 18.00 Uhr. Dann „durften“ wir Lehrlinge die Druckerei noch ausfegen. Wir hatten 1,5 Stunden Mittag und morgens eine Viertelstunde fürs Frühstück. Samstags wurde nur von 7.00 Uhr bis zum Mittag gearbeitet.

Unsere Berufsschule war in Osnabrück. In diese Schule gingen alle Lehrlinge aus dem Bezirk Osnabrück. Ich bin morgens um 6.00 Uhr mit dem Zug los und war um 7.00 Uhr in Osnabrück. Dann musste ich noch zur Berufsschule laufen. Um 8.00 Uhr begann der Unterricht. Nachmittags fuhr ich mit dem Bummelzug wieder zurück.

Formulare und Trauerbriefe

Berufsschule hatten wir einmal die Woche. In der Firma wurde das Praktische geübt oder gezeigt und in der Berufsschule die Theorie, z.B. Fachkunde und Fachrechnen, gelehrt. Zum Beispiel das typografische Maßsystem. Das hat mit dem Zentimeter nichts zu tun, es ist ein viel feineres System. Wir haben viele Formulare gesetzt und Akzidenzdrucke. Das sind Briefbögen, Karten und Visitenkarten, aber auch Trauerbriefe. Und Bücher und Zeitschriften, das war dann Werkdruck. Beim Werkdruck mussten die Setzer den ganzen Tag immer nur Text setzen. Sie wurden dafür stundenweise bezahlt.

Deutsch war Hauptfach

Deutsch war auch ein Hauptfach in der Berufsschule. Natürlich schrieben wir auch Diktate, und die wurden natürlich auch entsprechend benotet. Auf Rechtschreibung haben die Lehrer sehr geachtet. Und das war auch gut so. Wir haben damals lange Zeit das FC-Heftchen gemacht. Wenn wir uns da mal einen Bock erlaubt hatten, wurde das sofort bemängelt. Und wir bekamen einen ordentlichen Rüffel. Wenn ich heutzutage die Zeitung lese, dann schlackere ich mit den Ohren. So viele Rechtschreibfehler. Wird überhaupt noch Rechtschreibung gelehrt? Und werden die Texte vor dem Druck überhaupt noch einmal Korrektur gelesen? Ich glaube kaum. Da ist nur noch die Automatik, die auf bestimmte Zeilenbreiten und auf Autokorrektur eingestellt wird und dann hat sich das.

Früher musste der Setzer, nachdem er seinen Umbruch fertig hatte, eine Art Probeausdruck auf einem kleinen Abziehgerät machen, der wurde Korrektur gelesen und die Fehler verbessert, bevor es in die Druckmaschine kam. Auch der Drucker überprüfte das noch einmal. So lief das im allgemeinen.

Gutes Auge und Fingerspitzengefühl

In der Lehre haben wir natürlich viel über Typografie gelernt. Flattersatz, Blocksatz oder Mittelsatz, rechts- oder linksbündig, Spationierungen, Laufweiten, Versalien und vieles andere mehr. Da haben wir auch gelernt, dass die Buchstaben T, S, U als Versalien zwar gleich breit sind, aber optisch nicht so wirken. Das mussten wir mit unterschiedlich dicken Spatien zwischen den Buchstaben so ausgleichen, dass sie auch optisch gleich breit wirken. Da war ein gutes Auge und viel Fingerspitzengefühl, aber auch Routine gefragt.

Im Betrieb haben wir die meiste Zeit an einem Setzkasten gearbeitet. Die Schriftkasteneinteilung im Setzkasten ist – wie sich das für Deutschland gehört – natürlich genormt. Das ist ja auch wichtig, denn wenn ein Setzer hier im Norden gelernt hat, dann muss der genauso fähig sein, auch im Süden zu arbeiten.

Alles hatte sein Fach

In in den obersten beiden Reihen des Setzkastens sind die Großbuchstaben verteilt sind. Von links oben beginnend mit dem A über die nächste Zeile weg bis zum U. In der dritten Zeile sind die Viertelfächer. Da haben wir die Ziffern 0 bis 9 und anschließend den Gedankenstrich, dann kam das große J. Daneben in dem etwas größeren Fach ist das V. Im gesamten linken Block befinden sich die Akzentbuchstaben und im Mittelblock sind in den großen Fächer die Buchstaben H, E, M und T, U, R. Das sind die Buchstaben, die man in der deutschen Schrift am meisten braucht. Deswegen sind die auch in der Mitte. Dann haben wir noch ein Drittelfach für das kleine i und eines für den Punkt. Darunter ein Fach für den „Ausschuss“ – ein Halbgefiert für den Wortzwischenraum.

Im rechten Block sind dann die Anführungszeichen, die Sternchen, runde und eckige Klammern sowie die Kleinbuchstaben x, y, z und j und ein kleines Kästchen mit 1 ½ Punkt. Daneben ist das kleine p und in den etwas größeren Fächern sind Komma und Punkt sowie der kleine Gedankenstrich, der Doppelpunkt und das Semikolon.

Im Kopf wurde alles rumgedreht

Wer vor so einem Setzkasten saß oder stand, der musste eines auch können, nämlich Spiegelschrift lesen. Die Buchstaben und Zeichen sind beim Bleisatz ja alle spiegelverkehrt. Zu Anfang muss man genau hinschauen und alles im Kopf einmal rumdrehen. Aber wenn man lange genug gesetzt hat, dann kann man das so lesen, als hätte man es immer schon so getan. Es ist auch sehr hilfreich, wenn man die Einteilung des Setzkasten auswendig lernt. Wenn man schnell arbeiten muss, bleibt einem ja nicht viel Zeit zum Schauen. Was die Arbeit des Setzer auch erleichtert hat, waren die Signaturen. Das sind kleine Kerben unten im Buchstaben, damit der Setzer fühlen kann, wie rum der Buchstabe gesetzt werden muss.

Während meiner Lehrzeit habe zwar Setzer gelernt, aber ich habe auch sehr viel gedruckt. Wir bekamen dann auch eine Setzmaschine, damit ging alles viel schneller und leichter. So gesehen, habe ich eine vielseitige Ausbildung gehabt. Und ich habe die Gehilfenprüfung mit „gut“ bestanden.

1962/63 bin ich nach Süddeutschland gefahren. Da gab es eine Ganztagsschule, wo man innerhalb eines Jahres die Meisterprüfung machen konnte. Da musste ich in Ravensburg vor der Industrie- und Handelskammer und außerdem in Ulm vor der Handwerkskammer je eine Prüfung ablegen. Zum Schluss hatte ich zwei Meisterbriefe.

Kiste Bier statt Gautschen

In vielen Firmen wurden die Lehrlinge nach der bestandenen Gesellenprüfung gegautscht. Das war leider bei uns nicht so. Bei uns wurde einfach nur eine Kiste Bier ausgegeben. Dabei ist das Gautschen eine ganz lustige Sache. Und es hat eine lange Tradition.

Mit dem Gautschen wurde dem Lehrling die Unerfahrenheit oder die Unbesonnenheit abgewaschen. Da kam der Gautschmeister mit zwei Gehilfen in alter Tracht und haben den Gesellen ins Wasser getaucht. Entweder in ein großes Fass, einen Fluss oder in einen Brunnen. Das war eine richtige Zeremonie. Beim Gautschen sagte der Gautschmeister, während seine Gehilfen den neuen Gesellen immer wieder unter Wasser tauchten:

„Meister und Gesellen der schwarzen Kunst, liebe Gäste. Ich habe heute die ehrenvolle Aufgabe zu erfüllen, diese stinkige, kopferbärmlichen vermalledeiten Kornuten in unsere Zunft aufzunehmen, nachdem ich ihnen die Lehre mit auf dem Wege gebe, die einem Druckereigesellen gehören müssen. Die Festversammlung merkt aus meinen scharfen Worten, dass Zucht und Ordnung herrsche in unserem Stande, denn der Kornut weiß nichts von Zunft und guter Sitte. Er ist die Ausgeburt der Hölle und nicht wert, dass man ihn berühren tut, bevor er nicht gegautschet ist. Diese Prozedur muss ihm reinigen die Nasenlöcher und das Gehirn, so dass er fähig wird zu begreifen, dass er jetzt eingesetzt wird in die Rechte und Pflichten, die uns Kaiser Friedrich III. im Jahre 493 verlieh. Wenn sich auch bis heutigen Tages vieles geändert hat, die Bleiläuse am Aussterben sind, die Sache mit den Schusterjungen und Burenkinder nicht mehr so genau genommen wird, so soll er doch wissen, dass die damaligen Rechte der guten Werkjünger unter anderem auch darin bestanden, Farben und Degen zu tragen. Gautschlinge, ihr schlacksigen Gesichter, ihr pflaumenweichen Milchbärte, sehet hier“.

Schriftsetzer war ein hochqualifizierter Beruf, deshalb bekamen sie auch einen guten Lohn. Schon in der Lehre. Im ersten Lehrjahr waren das 400, dann 600 und im dritten Lehrjahr 800 DM.

Soviel zu meiner Ausbildung. Später habe ich dann die Firma meines Vaters übernommen. Leider hatte er die Nachfolge nicht so richtig gut geregelt. Er war zum Schluss auch sehr krank. Da hat es schon Reibungsverluste gegeben. Und das zu einer Zeit, wo es im Druckgewerbe viele ganz neue technische Entwicklungen gab.

Drucken auch bei Tag und Nacht

Wir hatten in unserer Druckerei eigentlich gut zu tun, aber wir mussten auch immer wieder neue Kunden hinzugewinnen. Wir hatten ja auch Konkurrenten. Den Kirchenboten haben wir auch viele Jahre gemacht. Im Wechsel mit Lammers. Dann hatte er den Kirchenboten ein paar Jahre allein produziert. Später bekamen wir den Auftrag wieder.

Aber wir mussten auch rührig sein, um Kunden und Aufträge zu werben. Unser Herr Kootz hat für uns in Richtung Rheine, Ibbenbüren und Lengerich Kunden geworben. Wir hatten dorthin noch Kontakt durch unseren Vater. So druckten wir für die Zeche in Ibbenbüren die Frachtbriefe. Oder für Bischof & Klein die Fototaschen, die es ja damals von Kodak und so gab. Aber nur als Lohnauftrag. Das heißt, sie brachten uns das Papier, die Klischees und die Farbe. Und wir haben die Klischees auf Schrifthöhe gebracht. Mit unserem neuen Heidelberger Zylinder konnten wir zwei nebeneinander drucken. Und dann druckten wir manchmal Tag und Nacht durch. Da hieß es nachmittags so um vier oder fünf Uhr: „Leg dich mal ein paar Stunden hin und komm gegen 22.00 Uhr wieder, da kannst du Herrn Heckmann ablösen.“ Dann habe ich die Nachtschicht gemacht. Die Zeit von 1950 bis 1970, das waren so die besten Jahre bei uns. Damals beschäftigten wir 15 Leute. Alle waren gut zufrieden.

Gesangbuch mit Widmung

In unseren guten Zeiten hatten wir nicht nur eine Setzerei und Druckerei. Wir hatten auch den Schreibwaren- und Buchhandel. Diese Mischung hat sich positiv auf alle Bereiche ausgewirkt. So haben wir früher auch Schulhefte gefertigt, die dann auch im Laden verkauft wurden. Anfangs hatten die so einen Extra-Deckel mit Wellenlinien und einem Etikett. Dann wurden die Blätter, die so ein Heft haben musste, abgezählt und in den Deckel gelegt. Einmal knicken, heften und fertig.

Oder wir verkauften Gesangbücher, die wir aber mit einer persönlichen Widmung bedruckt hatten. Damit haben wir uns als Kinder auch unser Taschengeld verdient. Manchmal hat es uns schon gestört, wenn wir dann nicht mit Freunden Fußball spielen konnten. Aber wir Kinder mussten auch unseren Beitrag leisten, damit es in der Firma weiterging.

In der Föhnstraße ging es richtig los

Unser erstes Geschäft hatte wir in der Steinstraße. Wir haben 1952 das Haus in der Föhnstraße 44 gekauft. Früher wurde da Berufskleidung gefertigt. Das Haus war schon länger mehr oder weniger verwaist. Als wir das Haus übernommen haben, war es bewohnt. Es gab dort schon ein Badezimmer mit einem großen Badeofen. Das kannten wir gar nicht. Es war für uns Luxus. Dann brauchten wir noch eine Baugenehmigung. Es musste erst geklärt werden, ob wir dort einen Betrieb bauen durften. Deswegen hat es auch so lange gedauert. Wir sind erst 1954 dort eingezogen. Den Laden in der Steinstraße haben wir erst noch behalten. Als Lotto & Toto aufkamen, hatten wir da auch eine Annahmestelle für die Tippscheine.

Es gab gar nicht so viele Druckereien in Schüttorf. Da war die Druckerei Lammers und die Druckerei Fischer (1950 bis 1955). Die hatten ihre Buchdruckerei zuerst im Lindemannschen Saal, später in der Steinstraße.

Wir haben auch Bücher gedruckt. Für Pastor Middendorf. Der war ziemlich fleißig. So kamen schon einige Bücher und kleine Hefte zusammen. Die Bücher hatten nur eine kleine Auflage von 500 oder 1.000 Exemplaren. Wir haben die Bücher gedruckt und dann bei einer Buchbinderei binden lassen. Für eine eigene Buchbinderei haben die Aufträge nicht gereicht. Wir waren ja auch nur eine kleinere Druckerei.

Der Rentenberater war ein Ladenhüter

Wir haben auch einmal eine Broschüre von einem Rentenberater aus Nordhorn gedruckt. Da konnte man sich die Rente selbst ausrechnen. Das Buch hatte ziemlich viele Tabellen und eine lange Beschreibung, wie man das handhaben musste. Es war eine richtig dicke Schwarte. Aber leider auch ein Ladenhüter. Die meisten lagen noch Jahre später bei uns auf dem Lager. Auch von Pastor Hoffmann haben wir mal was gedruckt, aber nur einmal.

Unser Hauptgeschäft haben wir mit Druck von Werbung und Geschäftsausstattungen für andere Firmen gemacht. So druckten wir für die Hemdenfabrik Engbers die Banderolen, die um die Hemden gemacht wurden. Für das Modebekleidungsgeschäft ten Brink in Gronau haben wir Werbeblätter produziert. Mit Gerrit van Delden waren wir auch im Geschäft. Seine Firma brauchte viele innerbetriebliche Formulare. Davon haben wir eine ganze Menge gedruckt. Aber auch für NINO in Nordhorn. Die hatten zwar eine eigene Hausdruckerei, konnten aber nur bis DIN A3 drucken. Auch für Bischof & Klein haben wir gearbeitet. Die benötigten Formulare für Fertigungsstunden, Hilfsstunden und so weiter.

Hienz war ein Spitzenmann

Wenn wir Zeichnungen oder Grafiken brauchten, haben wir oder die Firmen selbst dafür Künstler oder Grafiker beauftragt. Zum Beispiel den Kunstmaler Hienz. Er war ja nicht nur Maler, sondern auch Grafiker. Er war ein Spitzenmann.

Was viele vielleicht nicht wissen, wir haben auch Zeugnisse gedruckt. Wie wir dazu gekommen sind, dass wir Schulformulare drucken konnten, weiß ich nicht. Zweimal im Jahr hatten wir dann das Stoßgeschäft mit dem Zeugnisdruck. Viele wollten auch das Logo ihrer Schule eingedruckt haben. Das war schon eine ganz lukrative Sache. Neben den Zeugnissen druckten wir auch Klassenbücher und weitere Formulare.

Der Krieg war eine schlimme Zeit

Um auf die Schulhefte zurückzukommen. Da fällt mir noch was ein: Mein Vater ist noch vor dem Krieg aus der NSDAP ausgetreten. Das blieb nicht ohne Folgen. Er wurde ziemlich boykottiert.. Da hat er, um Schulhefte zu verkaufen, die Namen der Kinder kostenlos eingedruckt. Damit die als Kunde bei uns blieben. Mit solchen Sachen musste man dann auch arbeiten.

Das war eine schlimme Zeit. Als mein Vater in den Krieg musste, war mein Onkel Martin schon wieder zurück wegen einer Kriegsverletzung. Er hat dann manchmal bei uns ausgeholfen. Zu der Zeit arbeitete Gerd Ibershoff bei uns, der hatte auch bei uns gelernt. Während er den Satz hergestellt oder gedruckt hat, sorgte Onkel Martin dafür, dass die Kunden zufriedenstellend bedient wurden.

Mit dem Computer kam unser Aus

Wie gesagt, unser „Goldenen Zeit“ hatten wir so in den 1960er und 1970er Jahren. Da haben wir auch viel in die Modernisierung unseres Betriebes gesteckt. Unser Buchdruckzylinder hat damals etwa 50.000 DM gekostet. Als wir dann DIN-A2 Offset bekamen, lagen wir schon bei 65.000 DM. Da waren schon größere Summen. Damals kaufte man sich die Maschinen, überschrieb sie dann der Bank und die Investition war finanziert.

Als dann die Computertechnik auch in den kleineren Betrieben aufkam, ging das nicht mehr so. Die Kosten für eine computergesteuerte Mehrfarbdruckmaschine gingen schon in die Millionen. Das war natürlich für die kleineren Druckereien nicht mehr finanzierbar, weil auch die Banken nicht mehr mitgezogen haben. Es gibt auch heute noch ein paar kleine Druckereien. Aber nur noch sehr wenige. Entweder machen die nur einfache Sachen oder stellen am Computer die Druckvorlagen her und lassen das irgendwo anders drucken. Aber auch die stehen oft genug mit dem Rücken an der Wand.

Den Fortschritt kann man nicht aufhalten

Ja, die technische Entwicklung in den Druckereien und Setzereien ist schon rasant gewesen in den letzten Jahren. Schriftsetzer findet man heute kaum noch. Wenn man mich heute fragen würde, ob ich diesen Beruf noch einmal ergreifen würde, müsste ich wohl eine eindeutige Antwort schuldig bleiben. Mir hat der Beruf Spaß gemacht und eigentlich würde ihn auch wieder machen. Das Handwerkliche, diese Arbeit mit vielen kleinen Stücken, die mir richtig Spaß gemacht hat, das ist heute ja gar nicht mehr gefragt.

Leider ist die Schriftsetzerei ein aussterbendes Handwerk. Genau wie das Buchbinden. Der letzte Buchbinder in der Grafschaft war Schulte-Kolthoff in Bentheim. Der konnte noch alles. Sogar kaputte Blätter flicken oder Einbände reparieren. Er hat sogar Rückenbeschriftung mit Goldfolie gemacht. Wenn ich heute ein Buch professionell binden lassen möchte, müsste ich schon nach Osnabrück gehen. Dort gibt es eine große Buchbinderei. Die machen auch noch so handwerkliche Binderei.

1957 habe ich meine Lehre als Schriftsetzer begonnen. 50 Jahre später werden keine Schriftsetzer mehr ausgebildet. Heute sind das Mediengestalter. Aber so ist nun mal der Fortschritt, man kann ihn nicht aufhalten.

 

ENDE

 

Fotos: privat/Heimatverein

 

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