Johann Steveker Malermeister

Ich wurde gebeten, etwas über meinen Beruf zu erzählen. Dann will ich das einmal machen. Vorweg, ich mache dabei keinen Unterschied zwischen Malern und Anstreichern. In Schüttorf gab bis zum Ende des 2. Weltkrieges über 20 selbständige Malerbetriebe. Die wenigsten hatten Angestellte. Die Mehrzahl waren Ein-Mann-Betriebe, sogenannte Einzelmeister. Ich hoffe, ich bekomme sie noch alle zusammen.

Beginnen möchte ich mit Heinrich Steggewentz in der Föhnstraße. Die Leute nannten ihn Steggeheinzchen. Sein Betrieb war gegenüber der Gastwirtschaft Lenzing, später Pus. Dann Johann Droste wie auch sein Sohn und Nachfolger Franz-Hermann in der Windstraße. Das Haus von seinem Betrieb gibt es nicht mehr. Am Markt war der Betrieb von Carl Hoffmann. In seinem Haus war später eine Reinigung drin. Arnold Selhorst hatte seinen Betrieb in der Steinstraße. In der Eschenstraße neben dem Schlachthaus von Pus arbeitete Heinrich Osterwyck. Am Bleichenwall war der Betrieb von Arnold Bruns. Das war wohl der größte Betrieb hier in Schüttorf. Er hatte viele Aufträge von den Fabriken oder von den Fabrikanten, während der Großteil der Malerbetriebe einfache Anstreicher waren, die sehr viel in den Bauernschaften gearbeitet haben. Die Bauern waren früher überhaupt die Hauptkunden der Maler. Ebenfalls am Bleichenwall gab es die Gebrüder Fühner, Johann Bruns war in der Schevestraße, Arnold Osterwyck am Bahndamm und Heinrich Fühner in der Emsbürener Straße. Eduard Borggreve, bekannt als „Spill-Geertke“, wohnte im Hessenweg gegenüber der ehemaligen Mittelschule. Dann war da noch Christian Lammering in der Salzberger Straße und meine Wenigkeit, ich habe doch den Betrieb von meinem Vater übernommen. Mit Fritz Heckmann und Gerhard Rademaker gab es zwei Maler in der Quendorfer Straße. Herbert Severloh war in der Lindenstraße ansässig wie auch Heinrich Kristen. Gerhard Bookholt wohnte in der Tibbenstraße. Dann gab es noch Dietrich Vernim und seinen Sohn Friedhelm. Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen.

Viele dieser Schüttorfer Malerbetriebe existieren schon lange nicht mehr. Einige Maler sind schon verstorben, andere haben ihren Betrieb aufgegeben, weil es sich nicht mehr rechnete. Der Konkurrenzkampf war schon sehr hart.

Arbeitsgemeinschaften für Großaufträge

Meistens arbeiteten in Schüttorf gleichzeitig 16 bis 18 Betriebe oder Betriebchen. Und jeder gegen jeden. Wir haben erst nach dem Kriege versucht, in Arbeitsgemeinschaften etwas mehr zueinander zu finden. Wenn z.B. Aufträge für größeren Objekte wie Schulen etc. anstanden, haben wir das immer in Arbeitsgemeinschaft gemacht. Für einen Betrieb allein, wäre das nicht machbar gewesen.

Ich weiß nicht, ob der eine oder andere noch sich entsinnen kann, in der Nähe des Quendorfer Sees gab es mal ein Barackenlager. Die dort aufgestellten Baracken mussten fertiggemacht werden. Das konnten die einzelnen kleinen Betriebe nicht alleine leisten. Aber die Schüttorfer Maler wollten sich diesen Auftrag auch nicht entgehen lassen. Da hat man sich zusammengetan und eine Arbeitsgemeinschaft gebildet. Die hatte hauptsächlich Arnold Bruns in den Händen. Und mich hatte er sozusagen zu seinem Adjutanten erkoren.

Die Arbeitsgemeinschaft ist kurz nach dem Krieg auch nach Lingen beordert worden, um die dortigen Kasernen zu verglasen. Das Glas wurde geliefert. Wir sind mit dem Auto nach Lingen gefahren worden und haben bei eisiger Kälte die alten Glasscheiben rausgebrochen und die neuen eingesetzt. Aber wie gesagt, die meisten Anstreicher und Maler waren kleine Krauter, die sehr viel arbeiten mussten, um über die Runden zu kommen.

Zu den größten Aufträgen, die wir mit der Arbeitsgemeinschaft abgearbeitet haben, zählten das Krankenhaus und die Schulen hier in Schüttorf. Und in den 1960er Jahren natürlich auch die ev. ref. Kirche. Zuerst wurde dort unter Arnold Bruns und dann unter meiner Leitung gearbeitet.

An der Restaurierung der Kirche war auch ein Herr Peters als ausgebildeter Kirchenmaler beteiligt. Das war ein echter Spezialist auf diesem Gebiet. Und ich, wenn ich das so sagen darf, war eigentlich immer recht wissbegierig. Ich habe ihm, wann immer es ging, bei der Arbeit zugeschaut. Wenn man etwas mit den Augen hätte stehlen können, bei ihm hätte ich das gerne gemacht. Seine Arbeit hat mich fasziniert, und ich wollte unbedingt etwas dazu lernen. Deshalb habe ich den Kirchenmaler öfter mal mittags zu uns zum Essen mitgenommen. Dabei ging es mir nicht um Daumen und Zeigefinger, es ging nur um Wissen und Können von so einem Kunstmaler.

Ich lag so im Mittelfeld

Ich bin vier Jahre zur Volksschule gegangen und vier Jahre zur Mittelschule. Ich war kein guter, aber auch kein schlechter Schüler, ich lag mehr so im Mittelfeld. Ich sollte dann eigentlich noch ein bisschen weiter lernen, aber mein Bruder hatte einen Gehfehler. Da sagte mein Vater: „De Junge kann nich up de Ledder. Dat kann he nich, dat muss ounse Johann doan“. Dann musste ich von der Mittelschule abgehen.

Als ich 1937 in die Lehre kam, war ich 14 Jahre alt. Damals gab es noch keine Autos. Für Transporte hatten wir den Handwagen. Auf den haben wir die Leiter, die Pötte, die Eimer mit Farben usw. geladen. Wenn ich dann von uns aus zur Scheve musste, kam ich ja an der Mittelschule vorbei. Wenn die Schüler dann gerade Pause hatten, bin ich bei Schneider Bonke stehen geblieben und habe geheult. Da kommen mir heute noch die Tränen. Ich wäre gerne noch weiter zur Schule gegangen

Standpauke vom Gesellen

Wir hatten damals einen Gesellen, Johann Banneke. Damals waren die Autoritäten sehr ausgeprägt. Einmal hatte ich als junger Lehrling den Handwagen sehr hoch gepackt. Es musste ja alles mit. Und zweimal fahren, das wollte ich nicht. Dann lieber kräftig ziehen. Ging es aber über das Kopfsteinpflaster, fing der Wagen manchmal bedenklich an zu schaukeln. Wenn man dann noch Pech hatte, kippte auch schon mal so ein Eimer mit Farbe um. Die Standpauke, die ich da bekam, konnte man noch in der nächsten Straße hören.

Mit 16 Jahren machte ich die Gesellenprüfung. Da meinte mein Vater: „De Junge, de mott watt en bettken wat doan“. Also bin ich für zwei Semester nach Rheine in die Malerfachschule gegangen und zwei Semester zur Fachschule nach Osnabrück. Dort habe ich dann meine Meisterprüfung abgelegt- Anschließend bin ich wieder zu meinen Vater in den Betrieb gegangen. Trotz der großen Konkurrenz, die es damals gab, war mein Vater optimistisch: „Johann, dat wick dij seggen, wenn wij men flietig bint un de Löe guud bedeend, dann kumm wij wa verdaan“.

Viele Kinder – wenig Freizeit

Mein Vater kam aus einer kinderreichen Familie mit neun Kinder. Opa stammte aus Wengsel vom Hof Steveker. Er war an der Bahn als Bahnwärter beschäftigt. Wo jetzt an der Bahn die Unterführung ist, da stand früher das Stellwerk. Dort haben wir meinen Opa manchmal besucht.

Zu meinem Vater, muss ich sagen, hatte ich ein recht gutes Verhältnis. Nur viel Freizeit gab es bei ihm auch nicht. Meine Arbeitszeit war von 7.00 bis 12.00 Uhr und von 13.30 bis 18.30 Uhr. Samstags haben wir bis 16.00 Uhr gearbeitet. Das waren schon 65 bis 70 Stunden, die da in der Woche zusammen kamen. Das war ja überall so. Und keiner hat sich darüber aufgeregt.

Wenn Weihnachten war, kam unser Geselle Banneke zu uns. Er saß mit uns Kindern in der Küche. Dann ging Papa zur Haustür und klingelte ein bisschen. Er tat so, als würde er sich mit dem Weihnachtsmann unterhalten. Anschließend bekamen wir unsere Geschenke. Auch unser Geselle Banneke ging nicht leer aus. Er erhielt 10,00 Mark vom Weihnachtsmann. Das war sein Weihnachtsgeld.

Morgens wurde Buch geführt

Unser Betrieb hat sich gut entwickelt. Wir haben aber auch sehr viel gearbeitet. Für alles andere hatte ich keine Zeit. Sport oder irgendwo im Verein aktiv zu sein, das gab es für mich nicht. Das hat mir aber nicht so viel ausgemacht. Meistens bin ich so um 5.00 Uhr aufgestanden. Jahrzehntelang.

Wenn ich morgens in die Werkstatt kam, habe ich als erstes das Werkstattbuch in die Hand genommen. Bei uns wurde jedes Pöttken Farbe, bevor es aus der Werkstatt ging und aufgeladen wurde, erst einmal gewogen. Wenn wir es dann zurück in die Werkstatt brachten, wurde es nochmal gewogen. Daraus haben wir den Nettoverbrauch errechnet und in das Buch eingetragen.

Unsere Arbeit war schon anstrengend, viel härter als heute. So mussten wir früher die alte Farbe mit einer Karbidlampe abbrennen. Wenn das Karbid leer war, wurde es ausgekippt und neues Karbid eingefüllt. Das war schon eine kräftezehrende Arbeit.

Leimfarbe war eine Quälerei

Wir haben auch die Leimfarbe selber angerührt. Die Leimfarbe bestand aus Kreide und wurde mit einem Bindemittel, dem sogenannten Sicherleim, verrührt. Der stand früher in einem Fass zur Kühlung im Keller, damit er im Sommer nicht schlecht wurde. Diesen Leim füllten wir aus dem Fass in einen Eimer, je nachdem wieviel Leimfarbe wir machen wollten. Mein Vater sagte dann: „Noa moß du denn Liem schloan, as wenn du nen jung Wicht uf de Merse haust.“ So war der Umgangston damals. Bevor der Leim eingerührt werden konnte, musste erst die Kreide mit einem Schepper aus dem großen Kreidefass abgefüllt werden. Dann kam sie in einen Eimer mit Wasser. Anschließend wurde so lange umgerührt, bis sich die Kreide vollständig im Wasser gelöst hatte. Das ließ man bis zum nächsten Morgen stehen und setze erst dann den Leim zu. Leimfarbe zu machen war schon eine große Quälerei. Und die musste erledigt sein, bevor es an die eigentliche Arbeit ging. Das hieß, vor der normalen Arbeitszeit. Sonst wäre es ja Zeitvergeudung, meinte mein Vater.

Kommt der aus Sibirien?

Mein Vater hatte acht Geschwister. Mit 12 Jahren kamen die Kinder zum Bauern. Die mussten ja raus aus der Kost. Mein Großvater war ja an der Bahn. Er verdiente nur 14 Mark in der Woche. Das war nicht sehr üppig, selbst wenn man eine Kuh im Stall hatte. Ich erzähl mal eine Anekdote von meinem Vater. Die Holländer, die die Bahn bis Salzbergen betrieben, waren für die damaligen Verhältnisse zu Weihnachten immer sehr großzügig. Da bekamen die Angestellten und Arbeiter auch mal eine richtige schöne wollende Decke geschenkt. So auch mein Großvater. Als Decke zu nutzen, war ihm die aber zu schade. Da haben sie meinem Vater aus der Decke eine Jacke gemacht. Eine richtig schöne, warme Jacke. Die trug mein Vater auch zur Schule. Lehrer Wiegmink war damals Junglehrer. Eines Tages kam Rektor Klünder aus Bentheim zur Visite in die Klasse. Lehrer Wiegmink zeigte auf meinen Vater und sagte: „Un denn kump ut Sibirien“. Mittags am Tisch fing mein Vater an zu weinen. Auf die Frage, was denn passiert sei, antwortete er: „De heff seggt, ick sei ut Sibirien“. „Well heff dat seggt?“ fragt Opa. „De Mester ut Benthem“. Wie es das Unglück nun wollte wurde der Wiegmink auch mein Klassenlehrer. Und deshalb, das ist mir später erst gesagt worden, wurde ich zur Mittelschule geschickt, um von dem Lehrer wegzukommen, mit dem damals mein Vater den Drangsal hatte. So war das.

Tapeten für die besseren Leute

Wie gesagt, wir haben viel gearbeitet. Auch mal tapeziert, aber das lief eigentlich schon unter den besseren Arbeiten für Leute, die mehr Geld hatten. Bei den meisten Schüttorfern wurden die Zimmerwände damals mit Leimfarbe gestrichen. Sie wurde mit einem Wittelquast aufgetragen. Manchmal zogen wir oben noch eine Borde drumherum. Das war es dann meist. Aber manchmal wollte die Leute doch etwas mehr. Für bunte Muster, wie zum Beispiel Blumen, hatten wir Schablonen. Davon gab es ganze Sätze. 3-, 4- oder 5-Schlag-Schablonen. Die hatten so Punkte, an denen man sich orientieren konnte, wann man die zweite Farbe ansetzen musste. Dafür gab es auch Vorlagen und Anleitungen, wie man das machen sollte. Man musste die Farben, die vorgegeben waren, entsprechend mischen und mit einem fast trockenen Pinsel auftragen, damit die Farbe nicht hinter die Schablone lief. Da musste man schon sorgfältig arbeiten. Aber Sorgfalt und Genauigkeit waren bei uns sowieso immer groß geschrieben. Genau wie Ehrlichkeit und Pünktlichkeit. Da gab es nichts dran zu rütteln. Wenn gesagt wurde, wir kommen um 7.00 Uhr, dann waren wir auch um 7.00 Uhr da. Das war früher so.

Malen nach Mustern

Für das Malen von Mustern haben wir auch neben Schablonen auch spezielle Rollen eingesetzt. Da waren die Muster bereits auf der Rolle vorhanden. So konnte man auch Muster mit mehreren Farben anbringen. Diese Rollen gab es mit ganz unterschiedlichen Mustern. Es gab Blumenmuster, kubische Muster, alles mögliche gab es da. Wir hatten zwei Gestelle an der Wand, da waren an jeder wohl 20 unterschiedlich gemusterte Rollen drin. Wenn man sich gemerkt hatte, welches Muster dem Kunden gefallen hatte, konnte man das Muster bei ihm immer wieder machen. Weil das Malen mit den Musterrollen einfacher und schneller war als wie mit den Schablonen, haben wir zum Schluss nur noch die Muster aufgerollt.

Tapetenladen lohnte sich nicht

Wie gesagt, bis zur Währungsreform 1949 haben wir die Zimmerwände überwiegend gestrichen. Mit steigendem Wohlstand wollten dann immer mehr Leute Tapeten haben. Auch die, die sich das früher nicht haben leisten können. Unser Tapeten bekamen wir damals hauptsächlich von Lammers aus Rheine und später aus Osnabrück. Die Kunden suchten sich in unseren Musterbüchern die Tapete aus, die ihnen am besten gefiel. Und die sie auch bezahlen konnten. Dann haben wir die Tapeten bei unseren Lieferanten bestellt. Erst mit einer Postkarte, auf die wir die entsprechenden Nummern aus dem Musterbuch geschrieben haben, später wurden die Nummern per Telefon durchgegeben.

Meistens kamen die Tapeten am nächsten Tag als Expressgut mit der Bahn zum Bahnhof, wo wir sie dann abholten. Wir haben damals sogar ein kleines Ladengeschäft gebaut, in dem sich die Kunden die Tapeten anschauen konnten. Da hatten wir auch immer mehrere Rollen von den gängigsten Tapeten auf Lager. Aber das ist nicht so richtig gut gelaufen und hat kaum etwas abgeworfen. Nach 15 Jahren haben wir den Laden dann dicht gemacht. Dabei haben wir mehr als 10.000 DM in den Laden investiert, ihn sogar mehrfach umgebaut. Dieses Geld war weg, aber wir sind nicht dran kaputt gegangen. Das Ladengeschäft brachte nichts ein, nur zusätzliche Arbeit für meine Frau. Inzwischen sind die Ladengeschäfte dieser Art fast alle eingegangen.

Als ich 1982 den Laden geschlossen habe, haben wir begonnen Fußboden zu verlegen. Das war sehr lukrativ. Wenn ich darüber nachdenke – wir bekamen 20 % Rabatt auf Tapeten. Angenommen die Tapete kostete im Musterbuch 1,00 Mark pro Rolle und acht Rollen wurden für ein Zimmer gebraucht, dann verdienten wir an den Tapeten nur 1,60 DM. Bei den Fußböden haben wir viel besser verdient.

Schrift als Leidenschaft

Ich habe schon während meiner Lehrzeit am liebsten Schrift gemacht. Das habe ich noch vor dem Krieg in den Fachschulen in Nordhorn und Rheine gelernt. Schrift war eigentlich eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Wenn ich später spazieren ging, nahm ich oft den Weg von der Weißen Straße aus in den Bentheimer Wald. Da kam ich am Haus von Philipp Schümer vorbei. Rechts war der Pferdestall. Wenn die Türen weit auf standen, konnte man etwas über den Pferdeboxen lesen, was ich da 1940 geschrieben hatte: „Das Paradies der Erde, liegt auf dem Rücken der Pferde“ und „Des Pferdes Geblüt, zeugt von des Knechts Gemüt“. Da stand noch ein weiterer Spruch, aber an den kann ich mich im Moment nicht erinnern. Auf diese Schrift da, war ich schon ein wenig stolz. Und ich freute mich jedes mal, wenn ich da vorbei kam und meine Schrift dort sah.

Ich muss gestehen. Ich habe eigentlich gerne gelernt. Das war nicht bei allen Lehrlingen so. Vor dem Krieg gab es an der Malerfachschule in Nordhorn auch Abendkurse. Ich fuhr mit zwei anderen Lehrlingen aus Schüttorf und Neerlage mit dem Fahrrad dorthin. Die Kurse gingen von 20.00 bis 22.00 Uhr. Meine Mitlehrlinge hatten aber wohl keine Lust zum Lernen. Als wir in Nordhorn am Bahnhof vorbei fuhren, stiegen sie einfach vom Rad und gingen in die Bahnhofskneipe, um Bier zu trinken und Karten zu spielen. Nach dem Kurs kam ich da vorbei und holte sie wieder ab.

Einen Tag krank in 30 Jahren

Aber die meisten von uns haben sich weder vorm Lernen noch vor der Arbeit gedrückt. Wir hatten da mal so einen Gesellen. Ein ganz hervorragender Mann. So einen haben wir nie wieder gehabt. Eifrig, ehrlich, fleißig, pünktlich. Ein ganz prima Junge. Der war über 30 Jahre bei uns, und er hatte, ich glaube, nur einen Tag krank gefeiert. Einen einzigen Tag. Und das kam so: Er fuhr immer mit einem kleinen Motorrad. Eines Tages kam er in Neerlage auf einem Sandweg in eine Sandspur und ist umgekippt. Dabei hatte er sich so verletzt, dass er einen Tag zu Haue bleiben musste. Der konnte an dem Tag einfach nicht arbeiten. Aber sonst war der nie krank. Ein ganz prima Mann.

Keinen Tropfen auf der Baustelle

Leider gab es auch manchmal Probleme. Zum Beispiel mit dem Alkohol bei der Arbeit. Wir hatten einmal in Rheine einen großen Kunden. Der hatte uns für sein neues Haus einen Auftrag über mehr als 40.000 DM gegeben. Weil wir eigentlich schon mit Arbeit ausgelastet waren, bin ich zu Arnold Bruns gegangen. Der war froh, dass wir ihm für den Winter zwei Leute abgenommen haben. Aber die Beiden waren es gewohnt, zu Mittag eine Flasche Bier zu trinken. Aber nicht auf unserer Baustelle. „Doar fang wij gar nich met an“, war die klare Ansage an die Beiden. Das haben die mir Jahrzehnte lang noch nachgetragen. Aber bei uns war Alkohol absolut verpönt. Alkohol kam nicht in die Werkstatt und nicht auf die Baustelle, kein Tropfen. Da herrschte bei uns ein strenges Regiment, muss ich schon sagen. Aber von unseren Jungs hat sich nie einer beklagt.

Veredelt, verrostet und verschlikkert

Über unsere Kunden könnte ich auch eine Menge erzählen. Wir haben ja bei allen gearbeitet. Bei Arbeitern und Geschäftsleuten. Bei den Bauern und den kleinen Bürgern. Bei den normalen und bei den reichen Schüttorfern. Wenn ich bei den sogenannten reichen Leuten anfangen soll, kann ich das am besten so sagen: Schüttorf war veredelt, verrostet und verschlickert. Aber sonst ist ja Schüttorf eine Arbeiterstadt, im Gegensatz zu Bentheim, das war ein Beamtenstädtchen. Die reichen Leute, die waren auch in Schüttorf recht dünn gesät. Wer als Handwerksmeister die mal zu packen hatte, der hat sich natürlich ordentlich ins Zeugs gelegt. Das ist das, was ich meinen Leuten immer gesagt habe, wir müssen uns den nächsten Auftrag mit der heutigen Arbeit sichern. Pünktlich, sauber, fleißig, zufrieden und nicht zu teuer. Mit diesem Grundsatz sind wir eigentlich immer ganz gut gefahren. Aber meistens haben wir für die Leute gearbeitet, die nicht so viel Geld hatten.

Gefahr auf der Leiter

Neben Pinsel, Spachtel und Eimer waren Leitern unser Hauptwerkzeug. Gerade auch bei den Bauernhöfen, wenn wir dort die Holzgiebel streichen. Das ging nicht ohne hohe Leitern. Ich erinnere mich noch an einen Auftrag bei Bodenkamp. Da war der Giebel so hoch, dass selbst unsere längste Leiter nicht reichte. Also haben wir einfach zwei Leitern aneinander gebunden. Schiebeleitern gab es ja nicht. Ich muss sagen, das war eine ganz schön wackelige Angelegenheit. Nicht ungefährlich, ich würde sogar sagen, manchmal war es sogar mit Lebensgefahr verbunden. Über dem Eingangstor (Nijndööre) der großen Bauernhäuser befanden sich die Windfedern, die Holzverkleidung oben am Giebel. Die waren manchmal sehr breit, denn sie dienten auch als Unterstand. Da musste die Leiter gehalten werden, denn man konnte sie nirgendwo anstellen, wenn man die Unterkante der Windfeder anstreichen wollte, ohne die Dachziegel zu beschmieren. Das wäre heute undenkbar.

Firm im Masern

Wenn man früher Möbel kaufte, dann sollten die ein Leben lang halten. Am besten noch länger, damit man etwas zu vererben hatte. Deshalb haben wir auch viele Möbel wieder auf Vordermann gebracht. Die wurden aber nicht gestrichen, sondern gemasert. Das heißt, auf Türen oder Möbeln wurde per Hand eine Holzimitation aufgebracht. Ganz nach Geschmack. Wenn es Birke sein sollte, dann haben wir die in Birke gemacht, oder in Eiche, Buche, Nussbaum und so weiter. Es gehörte schon einiges dazu, die Technik des Masern zu beherrschen. Man musste schon ein gewisses künstlerisches Talent haben. Nur mit Fleiß und gutem Willen ging das nicht. Man musste dafür ein Gefühl entwickeln. Und das konnte man nicht erlernen. Mein Vater war richtig firm im Masern. Der konnte alles: Birke, Eiche und Nussbaum. Hauptsächlich für die Türen. Alles mit der Hand und mit wasserlöslichen Farben, die später überlackiert wurden.

Mit dem großen Pinsel Geld verdienen

Wir Maler waren wohl auch kleine Künstler, aber zu 90 % waren wir Anstreicher. Er gab zwar auch Kollegen, die haben Bilder gemalt. Aber bei uns hieß es: Mit einem kleinen Pinsel kann man sich beschäftigen, mit einem großen Pinsel muss man Geld verdienen. Auch ich war mehr Handwerker als Bildermaler. Dazu war ich zu nüchtern. Ich habe meine Grenzen wohl erkannt. Aber wie gesagt, Schrift habe ich gerne gemacht. Ob Gotik, Antiquar oder was auch immer.

Maler und Anstreicher war ein Handwerk, das einem sehr viel abverlangte. Es war nicht unbedingt die körperlich härteste Arbeit. Aber man musste dafür sehr sorgfältig sein und immer saubere Arbeit abliefern. Das war schon hart verdientes Geld. Und bei uns wurde gutes Geld verdient. Wir haben immer Tariflohn bezahlt. Und es gab Urlaub und Urlaubsgeld. Alles war tariflich geregelt.

Zu Weihnachten habe ich dann ein bisschen mal nach oben aufgerundet, auch um ein bisschen gut Wetter zu machen. Ein Kollege rief mich mal an und fragte: „Wat dös du de Jungs dann to Wiehnachten“. Als ich ihm die Summe nannte, rief er: „Bis du verrückt? Bis du in de SPD oder of ich?“ Der hat nie wieder gefragt. Aber so sozial wie der damals war, war ich schon lange.

Ich möchte nicht vergessen zu sagen, dass im Handwerk die Ehefrau eine ausschlaggebende Rolle gespielt hat. Ich würde sogar soweit gehen, dass das Wohl und Wehe in starken Maße von der Ehefrau abhing, wie die mitmarschiert ist.

Kundentreue muss man sich verdienen

Der Erfolg eines Betriebes hing auch davon ab, wie man zu seinen Kunden stand. Natürlich auch umgekehrt. Nach dem Krieg gab es ja noch keine Überweisung. Es wurde ja alles bar bezahlt. Die Bauern zum Beispiel kamen nach der Kirchzeit zu uns und beglichen die Rechnung. Vorher bekamen sie noch ein Köppken Tee mit Beschüte. Da gab es sehr enge persönliche Bindungen.

Ich konnte früher genau sagen, das ist der Kunde vom Meyer, vom Müller oder vom Schulze. Als wir nach dem Kriege Glasdeputate bekamen, haben wir uns bei Pus versammelt und das Glas verteilt. Da wurde Straße für Straße durchgegangen, wer wessen Kunde war. Die Konkurrenz wusste das ganz genau. Jeder Betrieb hatte seine Kunden. Aber diese Kundentreue musste man sich verdienen. Durch Pünktlichkeit, Sauberkeit, Fleiß, Ehrlichkeit und natürlich mit fairen Preisen. Da ging es nicht um Schnäppchen. Da zählte guter Lohn für gute Arbeit. Denn davon hatten ja beide was, der Kunde und auch der Anstreicher.

ENDE

Fotos: privat/Heimatverein

 

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